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Burnout: Ein etwas anderer Weg zurück ins Leben

ZwickerJoerg

Jörg Zwicker war als Cellist und Dirigent europaweit auf Konzertbühnen unterwegs, bis irgendwann nichts mehr ging. Beim Weg aus seinem Burnout hat er auf durchaus unkonventionelle „Therapiemethoden“ gesetzt. Der Absolvent der Mentaltrainer-Ausbildung am GESU Institut im Interview.

Depressiv ist man dann, wenn man den ganzen Tag nur mehr im grauen Kämmerlein sitzen mag. Und nahe am Burnout dann, wenn man mindestens 70 Stunden die Woche arbeitet. An Klischees mangelt es keineswegs in diesem Bereich. Aber haben Sie auch etwas mit der Realität gemeinsam?

Jörg Zwicker: Auch ich hatte diese Klischees im Kopf. Heute weiß ich, dass man das so pauschal absolut nicht sagen kann. Und eigentlich ist es auch irrelevant, wie man das Ganze bezeichnet bzw. ob Burnout überhaupt eine eigene Erkrankung ist oder eine Form der Depression – wenn man sich dauerhaft nicht mehr wohl fühlt und der Alltag zunehmend zur Belastung wird, muss man dringend etwas ändern.

Die Sache selbst in die Hand nehmen

Woran haben Sie erkannt, dass es höchste Zeit für eine Veränderung ist?

Zwicker: Bei mir war das spätestens dann klar, als ich bei einem Konzert auf der Bühne stand und einfach meine Hände nicht mehr bewegen konnte. Ich war dann bei einigen Ärzten, habe unterschiedliche Diagnosen bekommen, und letzten Endes entschieden, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Das soll jetzt keineswegs heißen, dass ich auch anderen Menschen rate, auf medizinische Hilfe zu verzichten. Für mich hat es damals aber einfach besser so gepasst.

(c) Heinz Peterherr

(c) Heinz Peterherr

Was konkret waren erste Schritte, die Sie dann gesetzt haben?

Zwicker: Ich habe begonnen, penibel in eine Excel-Liste einzutragen, was ich den ganzen Tag über gemacht habe, zum Beispiel 3 Stunden Cello üben, 1 Stunde Kinderdienst etc. und auch die Empfindungen bei den einzelnen Tätigkeiten bzw. mein Energielevel. Also z.B. ob ich mich zu 50 Prozent leistungsfähig fühle, zu 70 Prozent etc.

Keine Erwartungen haben

Sie haben also versucht, Ihre Arbeitsstunden zu reduzieren?

Zwicker: Nein, es geht in erster Linie um die Einstellung, nicht um die geleisteten Stunden. Ich habe versucht, meinen Ehrgeiz etwas herunterzuschrauben und mich möglichst wenig mit Konkurrenten zu vergleichen. Dazu habe ich erst mal alle Newsletter von meinen Mitstreiter-Kollegen abbestellt und auch im Privaten versucht, alles viel wertfreier zu sehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass beim Hausbau auch mal etwas schief geht oder Kinder nicht immer das machen, was man von ihnen erwartet. Wenn man null Erwartungen hat, ist alles was kommt, ein Gewinn. Ganz anders aber natürlich, wenn man sich die Messlatte zu hoch legt und sich in einen Wettkampf mit sich selbst begibt. Das ist natürlich alles nichts, was man von heute auf morgen umsetzen kann, sondern das muss man jahrelang üben.

(c) Christoph Urbanetz

(c) Christoph Urbanetz

Sie haben sich dann auch entschieden, die Ausbildung zum Dipl. Mentaltrainer am GESU Institut zu absolvieren …

Zwicker: Ja! Einerseits wuchs in dieser Zeit des „Weges zurück“ das Interesse an der ganzen Mentalthematik, über die ich schon viel gelesen hatte. Andererseits, weil ich konkrete Tools lernen wollte, mit denen ich das Ganze auch im Alltag umsetzen kann. Die Ausbildung hat mich einen großen Schritt weiter gebracht, ich habe viele hilfreiche Tools gelernt, mit denen ich sukzessive begonnen habe, Dinge möglichst wertfrei zu sehen. Und meine Erfahrungen gebe ich heute auch gern an andere weiter.

33 Stunden Extremsport

Woran haben Sie dann erkannt, dass Sie am Ziel angekommen sind – sprich das Burnout hinter sich gelassen haben?

Zwicker: Es gibt ja keine Fieberkurve oder irgendwas in dieser Art, an der man das messen kann. Das ist ein sehr subjektives Empfinden. Ich habe gut 3 Jahre gebraucht, bis ich mir gedacht habe: Ich will jetzt auf eine ziemlich radikale Art testen, ob ich mental und körperlich wieder ganz auf 100 bin. Dabei habe ich mich für einen Extremsportwettbewerb entschieden, das Bordairline-Adventure Race. Binnen 33 Stunden muss man sich fliegend mit dem Gleitschirm oder laufend so weit wie möglich vom Start entfernen, aber nach Ablauf der Zeit wieder zurück am Ausgangspunkt sein. Man geht dabei schon ziemlich an seine Grenzen – das schafft man nur, wenn man mental und körperlich voll fit ist. Und man muss sich dabei auch, ganz wie im Leben, seine Kräfte gut einteilen, auf sich selbst hören, um zu erfahren, wann es Zeit ist, umzukehren. Dass ich das in den Jahren davor wieder erlernt habe und damit leistungsfähiger bin als je zuvor, war ganz offensichtlich, als ich als ältester Teilnehmer im Feld nach über 100 gelaufenen Kilometern mitten unter den Top- und Profiathleten im vorderen Teil des Endklassements aufschien.

Wie unterscheidet sich Ihr Alltag heute von jenem in der Zeit vor dem Burnout?

Zwicker: Ich bin mir dessen bewusst, dass ich alle Ressourcen, die ich brauche, in mir habe. Nutzen kann ich sie aber nur dann, wenn ich auf meinen Körper höre. An Stunden gemessen arbeite ich heute nicht weniger als vor dem Burnout. Ich habe heute ganz andere Ansprüche an mich selbst, gehe mit Herausforderungen viel positiver und achtsamer um. Damit ist das Ganze keine große Belastung mehr. Ich habe den übertriebenen Ehrgeiz durch Qualität ersetzt.

Buchtipp:
Jörg Zwicker: 30 Stunden Flow – Vom Burnout zum Adventure Race


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